Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Vortrag 'Zerbrochene Familien und ihre Auswirkungen auf die Kinder, vor allem Auswirkungen auf die Homosexualität'

In diesem Vortrag wurden wir erstmals über ein Tabu-Thema informiert, von Selbstbetroffenen.

Wir hatten ein wichtiges Thema. Dieses Thema betrifft alle: ‹Z erbrochene Familien und ihre Auswirkungen auf die Kinder›, vor allem Auswirkungen auf die Homosexualität.

Vortrag von Frau Zumbach

Heute sind viele Familien zerbrochen. Vater oder Mutter fehlen, haben keine Zeit, sind gestresst und überfordert. Manchmal haben die Eltern selber in ihrer Jugend Schweres erlebt. Zum Beispiel: Keine Liebe bekommen, Schläge, Aggressionen, Schwachheit, Sturheit usw. Jetzt bringen sie das mit in die eigene Familie und geben es den Kindern weiter.

Die Kinder leiden unschuldig unter dieser Situation. Ihre eigene Entwicklung wird gestört. Die Kinder werden seelisch verwundet. Tiefer, seelischer Schmerz entsteht.

Beim Wort ‹Missbrauch› meinen wir oft sexuellen Missbrauch. Das ist nur ein Teil. Missbrauch heisst auch: Grenzen überschreiten. Den anderen nicht achten, seine Gefühle verletzen, unterdrücken, die eigene Wut und Frustration (= Enttäuschung) am Schwächerei auslassen, falsche Macht ausüben.

Ein Kind braucht für seine Entwicklung Annahme und Liebe. Es muss wissen, dass die Eltern es lieben. Wenn die Eltern z.B. ein Kind bekommen, und es ist ein Bub, aber die Eltern wollten ein Mädchen (oder umgekehrt), spürt das Kind schon: «Etwas stimmt nicht.» Das Kind wird in seinem Wesen (Herz/Seele) verletzt. Ein gehörloses Kind könnte denken: «Ich bin nicht gut genug für meine Eltern. Ich bin eine Last.»

Ein Kind braucht Liebe. Aber: Viele Eltern haben früher als Kind keine Liebe bekommen. Wie können sie dann selber ihren Kindern Liebe geben? Sie haben es nie gelernt.

Ein Kind braucht Erziehung, aber eine kindergerechte Erziehung. Es braucht nicht dauernd Schläge. Wenn ein Kind eine Strafe bekommt, muss die Strafe berechtigt sein: Strafe für einen Fehler, den das Kind wirklich gemacht hat. Es darf keine ‹Strafe› bekommen, weil Vater oder Mutter die Nerven verloren haben oder überfordert sind.

Ein Kind braucht Orientierung. Das heisst, die Eltern sollen bei der gleichen Sache nicht einmal ‹Nein› und ein anderes mal ‹Ja› sagen. Ein Kind braucht Vorbilder. Es braucht einen richtigen Vater und eine richtige Mutter.

Ein Kind hat Bedürfnisse, die nur Eltern befriedigen können. In den ersten zwei Jahren braucht es mehr die Mutter. Man hat herausgefunden, dass in der Muttermilch ein Hormon ist, das dem Kind innere Zufriedenheit und Glück gibt. Später braucht das Kind die ‹starken Arme› eines Vaters. Es muss zu Vater und Mutter Vertrauen haben können.

Klar, niemand hat perfekte Eltern. Wir alle können nicht perfekte Eltern sein. Wenn dem Kind aber Liebe und Angenommen-Sein fehlen, ist das wie ein Missbrauch am Kind. Das Kind wird ‹beraubt›: es bekommt etwas nicht, was es für eine gute Entwicklung braucht.

Hört ein Kind immer: «Du bist nichts, du kannst nichts» – kann es kein gesundes Selbstvertrauen aufbauen. Hört es: «Du hast hier gar nichts zu sagen, du hast zu gehorchen», lernt es nicht, selber Verantwortung zu übernehmen. Wenn das Kind keine Liebe bekommt, kann es später nicht erkennen, was wirkliche Liebe ist. Dann kann es passieren, dass es später den erstbesten Partner nimmt und nicht merkt, dass dieser es gar nicht liebt. Wie kann es seine eigenen Kinder richtig lieben? Dann reagiert das Kind als Erwachsener genau gleich wie vorher seine Eltern: es macht die gleichen Fehler: hartes Strafen, ungerechte Strafen usw.

Sexueller Missbrauch ist besonders schwer, mehr als ‹nur› Sex. Die intime Sphäre (das Innerste) eines Kindes wird verletzt und überschritten. Schon zu ‹private› Berührungen können verletzen.

Doris Zumbach* (hörend) hat uns diese Dinge am Vormittag lebhaft erzählt und erklärt.

Sie selber hatte eine dominante (starke) Mutter und einen schwachen Vater. Sie war eigentlich unerwünscht; die Eltern wollten sie nicht. Später hat ihr älterer Bruder sie oft missbraucht. Sie fühlte sich wie nichts, hässlich und schwach. Darum bewunderte sie schöne und starke Frauen. Die waren ganz anders als sie selber. So kam, dass sie lesbisch wurde. Wie Doris Zumbach es erzählte, konnten wir uns gut vorstellen, wie das abgelaufen ist. Ihr Bruder war kein Vorbild für eine Männerbeziehung. Der Vater hat sie nicht beschützt, die Mutter war zu stark.

Doris Zumbach sagte uns, dass viele missbrauchte Menschen einen extremen Drang zur Perfektion haben (= wollen alles sehr genau machen, möchten die Besten sein). Sie brauchen oder wünschen diese Anerkennung. Sie sind sehr verletzt worden. Unter homosexuellen Menschen hat es sehr viele Künstler und hochbegabte, sensible Menschen.

Es gibt gar kein ‹homosexuelles› Gen. Das wurde von der Wissenschaft auch bestätigt. Also: angeborene Homosexualität gibt es nicht! Niemand wird homosexuell geboren. Man wird von der Umgebung zum Homosexuellen gemacht. Der Heilungsprozess ist lang. Heilung bedeutet nicht einfach: nicht mehr schwul/lesbisch sein, sondern heterosexuell (‹normal›). Es geht am Anfang gar nicht darum. Zuerst muss man vor allem die inneren Wunden heilen, welche der Mensch in seiner Kinder- und Jugendzeit erhalten hat. Er soll erkennen können: «Ich bin geliebt, gewollt und wertvoll.» Hier haben viele ‹fromme› Leute grosse Fehler gemacht. Es ist falsch, Homosexuelle zu verurteilen. Solche Leute sagen zum Beispiel: «Homosexualität ist Sünde» – «du kommst in die Hölle». Es ist falsch, Homosexuelle zu normale Leute ‹umzubeten›. Man muss solche Leute zuerst verstehen lernen, ihre Wunden kennen lernen, ihnen Liebe geben.

Vortrag von Lukas Brüggmann

Am Nachmittag erklärte uns Lukas Brüggmann* (auch hörend) an seinem Lebenslauf, wie er homosexuell wurde.

Er hatte ebenfalls eine starke, vielbeschäftigte Mutter und einen schwachen Vater. Der Vater trank Alkohol. Nach seiner Geburt erkrankte seine Mutter an Tuberkulose. Brüggmann wurde für eine Zeitlang weggegeben. Die ersten zwei Jahre sind für das Kind sehr wichtig. In dieser Zeit sollte es nicht von der Mutter getrennt werden. Hier bildet sich das Urvertrauen. Später kann man das nicht mehr nachholen, nicht mehr ‹flicken› Lukas Brüggmann hatte immer das Gefühl, er gehöre nicht zur Familie. Er hatte kein Vertrauen. Seine Jugendzeit war hart. In der Pubertät wünschte er sich einen Vater, der ihm manchmal die Arme um die Schulter legte und ihm zeigte, dass er ihn liebt. Aber der Vater von L. Brüggmann war nicht so. Er zeigte keine Gefühle. L. Brüggmann sagte, dass viele junge Männer sich sehr stark wünschen: der Vater soll ihnen Liebe geben, körperliche Liebe. Jesus liess in der Bibel den Jünger Johannes den späteren Apostel beim Essen an seiner Brust anlehnen (damals ass man im Liegen). Jesus kannte das Bedürfnis seines Jüngers.

L. Brüggmann erzählte von einem Nachbarn, der seinen Sohn mit 12 Jahren von sich gestossen hat. Der Nachbar sagte: «Du bist jetzt alt genug. Du brauchst nicht mehr auf meinem Schoss zu sitzen.» L. Brüggmann konnte dem Vater erklären, dass das für seinen Sohn sehr wichtig war. Dieser Nachbar (der Vater) war erstaunt. Er selber hatte auch einen harten Vater gehabt, der ihn weggestossen hatte.

L. Brüggmann fühlte sich stark zu Männern hingezogen. Er hatte keinen Vater zum Anlehnen. Darum suchte er andere Männer. Wegen seiner Homosexualität suchte er Hilfe bei einem Pfarrer. Der verstand seine Situation nicht und reagierte ganz falsch. L. Brüggmann ging zu einem zweiten Pfarrer. Dieser reagierte sehr gut. Er sagte: «ch kann dir keinen Rat geben. Aber ich habe von einer Gruppe meiner Region gehört. Dort gibt es Männer mit dem gleichen Problem.» L. Brüggmann ging später zu dieser Gruppe. Jetzt ist er selber in dieser Gruppe einer der Leiter.

Es gibt viele Menschen, die weiterhin die Homosexualität ausleben wollen. Andere Männer haben sich entschieden, allein zu bleiben, andere haben (wie L. Brüggmann) sich entschieden, zu heiraten. L. Brüggmann und seine Frau hatten viele Probleme. Sie war sehr spontan und emotional (sie hatte viele Gefühle). Das konnte Brüggmann nicht ertragen. Sie konnte so lachen, dass es ihn störte. Dann merkte er, dass er eigentlich genau gleich war, es aber nicht zugeben wollte. Erst jetzt konnte er sich darüber freuen. Wegen dem Erlebten aus seiner Kindheit hatte er sich immer stark angepasst. Er spielte immer den ‹Lieben und Braven› und rebellierte nie. Er war aber in seinem Inneren nicht so. Er wollte lieber anders sein. So wie er eben war. Er erzählte dem zweiten Pfarrer über seine Homosexualität. Er gab sogar zu, dass er nach dem ersten Gespräch nach Zürich in alle Pissoire gegangen sei. Der Pfarrer hielt keine Moralpredigt (= Strafpredigt), sondern sagte nur:«Das ist gar nicht so schlimm. Diese Sachen sind sowieso in dir. Es ist gut wenn das ans Licht kommt.» L. Brüggmann selber war auch schockiert, dass er nach einem guten Gespräch mit dem Pfarrer trotzdem einen starken Trieb nach Homosexualität spürte.

Seine ‹Heilung› war ähnlich wie bei Frau Zumbach. Es war ein langer Prozess. Es hatte nicht viel mit dem Problem der Homosexualität zu tun. Vielmehr musste L. Brüggmann erkennen lernen, wo er innere Wunden aus der Kindheit hatte. Diese Wunden hat er mit Gottes Hilfe aufgearbeitet. So konnte er seine eigentliche Identität finden. Durch Gottes Liebe hat er erkannt, dass es einen liebenden Vater im Himmel gibt, der ihn annimmt, so wie er ist. Gott ist ein Vater, der einen weiterbringen und heilen will, der echte, Tiefe Freude geben kann. Vorher war L. Brüggmann Diakon. Er hatte nur den Herrn gekannt und ihm gedient. Er hat sehr viel für die Kirche gearbeitet und nie ‹Nein›gesagt, bis er einen ‹Burnout› (= Zusammenbruch) erlitt und Hilfe holen musste. Das Problem ist nicht die Homosexualität. Das eigentliche Problem sind die vielen tiefen Verletzungen aus der Kindheit und Jugendzeit. Darum ist es ganz wichtig, dass wir jeden Menschen als Geliebten Gottes ansehen und ihn nicht verurteilen. Wenn dieser Mensch es möchte, können wir ihm helfen, seine Verletzungen zu erkennen. Dann können wir mit ihm Gott bitten, dass er diese Verletzungen heilt.

Es war ein interessanter Tag, wir haben ein wichtiges Thema von einer neuen Seite her angeschaut. Wir wollen Gott um Hilfe bitten, dass wir keine Menschen, die schon verletzt sind, noch mehr verletzen. Unsere Aufgabe ist, sie zu lieben, nicht zu verdammen.

(von den Unterlagen der Referenten und aus Erinnerung zusammengefasst)

* Namen geändert

Aus der Gemeinschaft Januar 2003

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